05.-08.05.2026 – Bildungsreise nach Halle (Saale) & Leipzig: Ostdeutsche Impulse für den Ganztag

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Ein Süßer Dank zum Abschied

Die Bildungsreise „Ostdeutsche Impulse für den Ganztag“ ermöglichte den Teilnehmenden einen vertieften Einblick in die historischen, strukturellen und pädagogischen Grundlagen ganztägiger Bildung in Sachsen-Anhalt und Sachsen, zwei ostdeutschen Bundesländern. Die Besuche in ausgewählten Einrichtungen, die Fachgespräche sowie die Arbeitsgruppen haben gezeigt, dass die gegenwärtige Diskussion um den Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Umsetzung des bundesweiten Rechtsanspruchs als Form des schulischen Ganztags geführt werden darf. Vielmehr verdeutlichen die ostdeutschen Erfahrungen, dass qualitativ hochwertige Ganztagsbildung – also Grundschule in Verbindung mit einem Hort – das Ergebnis langfristiger gesellschaftlicher Entwicklungen, institutioneller Kontinuitäten und professioneller Kooperationsstrukturen ist.

Aus den Erkenntnissen der unterschiedlichen Arbeitsgruppen und Diskussionsformaten ist eine gemeinsames Reflexionspapier der Teilnehmenden entstanden.
Sie können es hier finden: Reflexionspapier der Bildungsreise „Ostdeutsche Impulse für den Ganztag“

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lesen Sie hier die Reflexionen eines Teilnehmers der Studienreise:

Bildungslandschaften gestalten – bruchlose Übergänge sichern – die Trias Erziehung, Bildung und Betreuung erhalten

von Reinhold Hopp

Ostdeutsche Impulse für den Ganztag: Sehen – Verstehen – Umsetzen

Im Mittelpunkt der pfv-Bildungsreise im Mai 2026 nach Halle (Saale) und Leipzig stand der Ganztag als zentrales Zukunftsthema. Bereits zum Auftakt machte Bettina Stobbe, Leiterin der pfv-Bundesgeschäftsstelle und Reisebegleiterin, deutlich: Bildungsreisen des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes sind mehr als Fachbesuche. Sie eröffnen den Blick über den eigenen „Tellerrand“, schaffen Verständnis für fachpolitische Zusammenhänge und ermöglichen Einblicke in regionale Besonderheiten pädagogischer Praxis.

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Mit dem Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung für Grundschulkinder ab 2026 treffen zwei historisch gewachsene Systeme auf einen gemeinsamen Auftrag: Schule und Kinder- und Jugendhilfe. Die Schule bringt flächendeckende Strukturen und Bildungsziele ein; die Kinder- und Jugendhilfe steht für Lebensweltorientierung, Beteiligung, individuelle Förderung und sozialpädagogische Perspektiven.

Gerade in dieser Verbindung liegt eine große Chance – aber auch eine Herausforderung. Gelingt Zusammenarbeit fachlich und strukturell, kann Ganztag zu einem Ort werden, an dem Bildung, Betreuung und Erziehung zusammengedacht werden: als Lebens-, Bildungs-, Beziehungs- und Beteiligungsraum für Kinder.

Dafür braucht guter Ganztag ein gemeinsames Bildungsverständnis, das formale, non-formale und informelle Lernprozesse miteinander verbindet, sowie qualifizierte Fachkräfte, multiprofessionelle Teams, echte Verzahnung von Schule und Jugendhilfe, gemeinsame Qualitätsmaßstäbe und verlässliche Verantwortungsstrukturen mit klaren Rollen. Andernfalls droht Kooperation zur bloßen Koexistenz zu werden.

Kinder sind den ganzen Tag Kinder

Einen ersten grundlegenden fachlichen Impuls gab Prof. Dr. Johanna Mierendorff mit ihrem Vortrag zur Bedeutung des Ganztags für das Aufwachsen von Kindern.

Sie stellte die Frage an den Anfang: Was bedeutet der ganze Tag für Kinder und auch für das Aufwachsen von Kindern – heute und früher? Ganztag außerhalb der Herkunftsfamilie ist nicht neu. Historisch betrachtet wird seit dem 18./19. Jhd. das Leben der Kinder außerhalb der Familie staatlich reguliert, über Schule, Reichsjugendwohlfahrtsgesetz 1922/24, Jugendwohlfahrtgesetz 1961 (BRD) bzw. Familiengesetzbuch/Jugendhilfeverordnung 1965/66 (DDR), SGB VIII (Okt. 1990/Januar 1991) und entsprechende behördliche Aufsichten. Historische Beispiele für das ganztägige Leben der Kinder außerhalb der Familie sind die Adelserziehung, Kost-, Zieh-, Verdingekinder, Internatserziehung, Heimerziehung, Wochenkrippen …

Kindheit ist ein gesellschaftliches Konstrukt und nicht natürlich gegeben. Sie wird gesellschaftlich organisiert — durch Familie, Staat, Jugendhilfe, Schule, Medien, Marktmechanismen, Wohlfahrtsstaat und pädagogische Institutionen. Kinder sind nicht nur ein privates, sondern auch ein hohes gesamtgesellschaftliches Gut, das schützenswert ist und moderiert werden soll. Nur die Art und Weise, wie der Tag der Kinder gestaltet und was für gut befunden wird, ist wandelbar. Erkennbar wurde das beispielsweise bei der U3-Betreuung wurde das in der Systemkonkurrenz DDR/BRD in den 1950er- und 60er-Jahren und nach der Wiedervereinigung erkennbar. In vielen Bereichen kam und kommt es zu Diskussionen, zu Spannungsverhältnissen und Aushandlungsformen, fachlich und politisch oder eher medial/emotional: Stichworte sind beispielsweise „Staat vs. Familie“, Tradwife oder die Begriffe Kindeswohl und Mutterschaft.

Kinder verbringen heute große Teile ihres Tages in Institutionen – bei Tagespflegepersonen, in Pekip-Gruppen, Kita, Schule, Hort, OGS, Vereinen und Freizeitangeboten –, also viel Lebenszeit in öffentlich verantworteten Räumen. Prof. Mierendorff machte aber auch deutlich, dass Familie deshalb nicht unwichtig geworden ist. Im Gegenteil: Familie bleibt für Bindung, emotionale Sicherheit, Alltag, Werte, Habitus, Sprache und Lebensführung zentral. Nur die Verantwortung wird geteilt – Ganztag wird zum Mitakteur.

Ab den 1990ern kam es zu einem Paradigmenwechsel im Jugendhilferecht, hin zur Angebots-, Unterstützungs-, Hilfe- und Beteiligungsorientierung und damit zu einer Neujustierung zwischen familialer und außerfamilialer Betreuung, Bildung und Erziehung und hinsichtlich des Verhältnisses Familie-Staat: Was ist legitime elterliche Erziehungsfreiheit? Mit der daran anschließenden Frage „Was ist richtige Erziehung?“ (Schutzauftrag §8a, SGB VIII, 2005) wurde Erziehung stärker fachlich, rechtlich und institutionell überprüfbar. Parallel veränderten sich die Elternrollen. Eltern sind heute Anspruchsträger, Kund:innen, Kooperationspartner, Beschwerdeführer und Qualitätsadressaten. Eltern erwarten Hausaufgabenbegleitung, Bildungsförderung, Schutz und Aufsicht, Kommunikation sowie Verlässlichkeit – und sie vergleichen Einrichtungen und bewerten Qualität. Das erzeugt Spannungen: alle beanspruchen, etwas über „gute Erziehung“ sagen zu dürfen.

Die Stimmen der Kinder

Aus Erwachsenensicht wird Ganztag oft über Rechtsanspruch, Betreuung, Vereinbarkeit, Personal, Räume, Standards und Finanzierung diskutiert. Und was sagen die Stimmen der Kinder?[1] Kinder sagen sinngemäß (die Wir-Form ist eine pädagogische Verdichtung der Ergebnisse):

Wir schätzen das gemeinsame Spielen und Lernen mit Gleichaltrigen, die alltäglichen Möglichkeiten der Beteilung sind uns wichtiger als formale Gremien, wir wollen eine Balance zwischen Pflichtaufgaben und selbst-bestimmten Aktivitäten, für uns sind Beziehungen zu anderen wichtig – nicht nur zu Peers, sondern auch zu Erwachsenen, wir wollen Rückzugsmöglichkeiten, Chancen auf Erlebnisse innerhalb der Schule, etwas Konkretes machen, wir wollen Autonomie und Partizipation in den Strukturen des Alltags.

Eine zentrale Erkenntnis ist: Ganztag ist mehr als Organisation, Betreuung oder Schulverlängerung. Er berührt die Grundfrage, wie Kindheit heute gestaltet wird und ob wir Kinder ernstnehmen. Kinder sind den ganzen Tag Kinder – daran muss sich guter Ganztag messen lassen. Er entsteht dort, wo der ganze Tag kindgerecht, beziehungsorientiert und beteiligend gestaltet wird. Beteiligung zeigt sich vor allem im Alltag: Werden Kinder gehört? Können sie mitentscheiden? Werden ihre Bedürfnisse ernst genommen? Diese Fragen begleiteten die weiteren Stationen der Bildungsreise.

Gute ganztägige Bildung entsteht nicht automatisch

Im zweiten Fachvortrag des ersten Reisetages gab Ilka Jagno, Referatsleiterin im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt, einen Überblick über das System der Kindertagesbetreuung und insbesondere über die Bedeutung des Hortes in Sachsen-Anhalt.

Deutlich wurde: Sachsen-Anhalt verfügt über historisch gewachsene und rechtlich abgesicherte Strukturen ganztägiger Bildung, Betreuung und Erziehung. Für Kinder im Grundschulalter besteht dort seit Langem ein Anspruch auf Hortbetreuung nach dem Kinderförderungsgesetz. An Schultagen umfasst dieser Anspruch sechs Stunden zusätzlich zur verlässlichen Grundschule; an Ferientagen bis zu zehn Stunden.

Zugleich machte Ilka Jagno deutlich, dass Sachsen-Anhalt als Flächenland mit Bevölkerungsrückgang, geringer Bevölkerungsdichte, Geburtendefizit und zunehmender Alterung vor erheblichen Steuerungsaufgaben steht.

Für das Thema der Bildungsreise war besonders wichtig: Der Hort wird in Sachsen-Anhalt nicht als bloße Betreuung nach der Schule verstanden, sondern als eigenständiger sozialpädagogischer Bildungsort. Im Unterschied zur Schule besitzt der Hort einen non-formalen Bildungsauftrag, der durch Freiwilligkeit, Beteiligung, Alltagserfahrungen, Beziehungen und soziale Lernprozesse geprägt ist.

Gleichzeitig entsteht gute ganztägige Bildung nicht automatisch. Obwohl Schule und Hort rechtlich zur Kooperation verpflichtet sind, arbeiten sie in der Praxis häufig noch nebeneinander. Genau hier setzt das Landesmodellprojekt „Kooperation Schule und Hort: Grundschule und Hort im Dialog“ an. Ziel ist es, Formen der Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“ zu erproben und die Qualität ganztägiger Bildung, Betreuung und Erziehung weiterzuentwickeln.

Für die Bildungsreise eröffnete dieser Impuls zentrale Beobachtungsfragen: Wie gelingt Kooperation zwischen Schule und Hort tatsächlich im Alltag? Wie bleibt der eigenständige sozialpädagogische Auftrag des Hortes sichtbar? Wie können Übergänge zwischen Kita, Grundschule und Hort ohne Bildungsbrüche gestaltet werden? Welche Rahmenbedingungen braucht ein Ganztag, der Kinder nicht nur betreut, sondern ihre Bildungsbiografie verlässlich begleitet?

Der Einblick in Sachsen-Anhalt bot keine einfache Blaupause für andere Bundesländer. Er regte aber dazu an, eine konsequente Orientierung am Kind, ein gemeinsames Bildungsverständnis, rechtliche Verlässlichkeit, öffentliche Verantwortung und den Anspruch auf eine stärkere Verbindung von Schule und Jugendhilfe einzufordern.

Offene Hortarbeit zwischen Kinderrechten, Bewegung und begrenzten Räumen

Am zweiten Tag der pfv-Bildungsreise wurde die Reisegruppe in zwei Gruppen geteilt. Die zweite Gruppe besuchte den AWO-Hort der Albrecht-Dürer-Schule. Mich führte ein Besuch zum Hort der Grundschule Nietleben „Am Heidesee“ in Halle. Der Hort der Grundschule Nietleben arbeitet seit 2006 als eigenständiger Betrieb der Stadt Halle und begleitet aktuell rund 110 Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren. Sechs pädagogische Mitarbeiter gestalten den Alltag von 6:00 (Früh-Hort) bis 17:00 Uhr.

Für uns standen dabei Beobachtungsfragen im Mittelpunkt: Wie können Bildungslandschaften und Übergänge für Kinder bruchloser gestaltet werden? Was brauchen Kinder im Grundschulalter für einen guten Ganztag?

Konzeptionell prägend ist im Hort Nietleben ein offenes Haus (offene Türen), Wahlfreiheit, ein(e) Bezugserzieher:in für jedes Kind sowie die Schwerpunkte Kinderrechte, Bewegung, Natur, Beziehung und Beteiligung. Besonders deutlich wurde: Der Hort versteht sich nicht als verlängerte Schule, sondern als Ort non-formaler Bildung. Kinder können dort Interessen verfolgen, Beziehungen gestalten, Entscheidungen treffen und Alltagserfahrungen verarbeiten. Konkret zeigte sich dies in vielem, unter anderem beim sogenannten Tresendienst: Die Kinder melden sich dort an und ab. Dadurch wird jedes Kind täglich bewusst wahrgenommen. In diesem offenen Konzept können sich die Kinder frei drinnen und draußen bewegen und entscheiden, mit wem, wo und womit sie ihre Zeit verbringen wollen. Auch der Umgang mit Hausaufgaben verdeutlicht das pädagogische Selbstverständnis. Die Fachkräfte verstehen sich nicht als „Hausaufgaben-Antreiber“. Hausaufgaben können erledigt werden, sollten aber nicht den Nachmittag dominieren. Eltern bleiben in der Verantwortung, mit ihren Kindern Absprachen zu treffen. Wenn ein Kind Hausaufgaben machen möchte, sucht es sich einen Arbeitsplatz. Häufig ist das zu beobachten, wenn der Freund/die Freundin schon gegangen ist oder gemeinsames Lernen motiviert. Elterngespräche gibt es auf Wunsch der Kinder, Inhalte werden vorher zwischen Kind und Bezugserzieher:in abgesprochen. Interessant war auch die Spielplatzpädagogik im Außenbereich. Welche Dinge laden Kinder zu welchem Spiel ein? In Materialhütten: Werkzeug, Bretter, Seile, Rollen, Kisten, Fahrzeuge …, In der Freifläche viel Platz für die Fahrzeuge, ein Nutzgarten, Naturmaterialen, Wasser, Sand, ein Sitzbereich mit Palettenmöbeln und Sonnensegel und gekennzeichnete Flächen für Gesellschaftsspiele wie Hüpfkästen Seilchenspringen. Entscheidend ist, ob Material im Außenbereich auch offen, veränderbar, herausfordernd, kooperationsfördernd, inklusiv ist. Damit wurde sichtbar: Spielplatzpädagogik in Nietleben reflektiert: „Womit spielen Kinder, wer entscheidet darüber was gebraucht wird, was wird durch was möglich – und was wird wodurch verhindert?“ Inklusives Spielen entsteht dort, wo vielfältiges Material, Partizipation der Nutzer und kompetente pädagogische Begleitung zusammenwirken. Der Hort ist kein verlängerter Unterrichtsraum, sondern ein Freiwilligkeits-, Beziehungs- und Erfahrungsraum für Kinder. Stark wirkte auch die Beteiligungskultur. Kinder werden in Aushandlungsprozesse einbezogen, etwa bei Anschaffungen oder bei der Gestaltung des Alltags. Die UN-Kinderrechte sind nicht nur ein Thema auf dem Papier, sondern Teil des pädagogischen Selbstverständnisses. Kinder sollen ihre Rechte kennen, vertreten und gemeinsam Wege zu guten Lösungen finden.

Die Haltung und Erfahrungen der sechs pädagogischen Fachkräfte mit unterschiedlichen Professionen wurden in den drei Stunden ganz klar geäußert: Wir sind für Kinder da, die nicht nur Schulkind sind und ständig beaufsichtigt werden müssen, es sind Kinder mit eigenem Leben, sie brauchen Menschen, Räume und Zeit, damit sie sich entwickeln können, sie brauchen andere Kinder, sie brauchen Zeit zum Spielen, Streiten, Vertragen und Ausprobieren und Freunde finden. Die Kinder wollen nicht nur aus Arbeitsblättern, sondern auch im Zusammensein mit anderen lernen (beim Chillen …). Die Kinder möchten, dass auch die Erzieher:innen wissen, was sie brauchen, wie sie leben, in welcher Familie, ob in Armut, welche Unterstützung und welche Belastungen es gibt. Die Kinder möchten auch wissen: „Was kann aus mir werden? Welche Fähigkeiten habe ich?“ Die Kinder sagten auch sinngemäß: Ich bin kein Kindergartenkind mehr, ich kann das hier bewältigen, in der Gruppe klarkommen und Konflikte mit jüngeren und älteren bewältigen – wenn ihr für mich im Hintergrund verfügbar seid. Ich will nicht hierhin geschickt werden, es soll Angebote geben, die zu mir passen, und es soll nicht davon abhängen, ob meine Eltern viel Geld haben. Meine Sprachprobleme, Behinderung oder meinen Förderbedarf möchte ich hier mal vergessen können. Ich will gesehen werden, will mitreden und zuhören. Ich will nicht nur Regeln befolgen, sondern auch Verantwortung übernehmen. Und wenn meine Familie nicht in den Urlaub fährt, möchte ich tortzdem schöne Ferienerlebnisse.

Gleichzeitig zeigte der Besuch strukturelle Spannungen. Der Hort nutzt überwiegend Klassenräume, die am nächsten Morgen wieder für den Unterricht vorbereitet sein müssen. Dadurch blieben die Räume sichtbar schulisch geprägt. Ein eigener Hortcharakter ließ sich unter diesen Bedingungen nur begrenzt räumlich ausdrücken. Die Fachkräfte berichteten von hohem Abstimmungsbedarf mit der Schule, ständiger „Raumarbeit“ und der Herausforderung, pädagogische Zusammenarbeit tatsächlich auf Augenhöhe zu gestalten.

Gerade darin lag eine zentrale Erkenntnis für die Bildungsreise: Guter Ganztag entsteht nicht allein durch Rechtsansprüche, Plätze oder Öffnungszeiten. Er braucht horteigene Räume, feste Zeitrahmen, klare Zuständigkeiten und eine gemeinsame Haltung von Schule und Jugendhilfe. Wenn Hort und Schule denselben Ort nutzen, aber unterschiedlichen pädagogischen Logiken folgen, muss Kooperation bewusst gestaltet werden.

Der Hort Nietleben zeigte eindrucksvoll, welche Bedeutung ein eigenständiges sozialpädagogisches Profil im Ganztag hat. Kinder brauchen nach der Schule nicht einfach mehr Unterricht, sondern verlässliche Erwachsene, Wahlmöglichkeiten, Bewegung, Freundschaften, Rückzug, Beteiligung und Gelegenheiten, sich als wirksam zu erleben.

Der dritte Tag

Am dritten Tag besuchten wir morgens die Geschäftsstelle der Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH in Leipzig. Hier stellte man sich einerseits als Träger des Kinderhauses „Groß und Klein“ vor und erläuterte andererseits die Angebote von Fröbel in Sachsen, die Rahmenkonzeption und die aktuellen Herausforderungen. Wesentliches Merkmal ist das ganzheitliche Bildungsverständnis von Fröbel: Bildung wird nicht auf schulisches Lernen reduziert, sondern umfasst soziale, emotionale, kreative und alltagspraktische Lernprozesse. Davon konnten wir uns ab 12:00 Uhr im „Kinderhaus Groß und Klein“ konkret überzeugen. Das Selbstverständnis der Fachkräfte wurde so beschrieben, dass sie sich als Partner:innen, Beobachter:innen und Entwicklungsbegleiter:innen der Hortkinder sehen und präsent sind, ansprechbar und zugewandt, jedes Kind wird täglich individuell gesehen und in Beziehung gesetzt. Die Kinder kommen aus der Miltitzer Grundschule zwischen 11:30 und 13:30 Uhr in die Räume des Hortes. Zum Raumangebot gehören unter anderem auch ein Tonstudio mit Computer-Technik, Atelier und Theaterraum. Das Wochenprogramm ähnelt einem Jugendfreizeittreff, mit Chor, LifeKinetik, Kreativzeit, Philosophierunde, Tauschbörse, Theater, Fahrradcheck. Besonderheiten gibt es mehrere: es wird täglich für rund 400 Kinder frisch, kindgerecht und auf den physiologischen Bedarf abgestimmt gekocht – regional, saisonal und mit 46 % Bio-Anteil, für alle bezahlbar; regelmäßig gibt es Angebote wie Eltern-Kind-Kochtage, bei denen die Eltern die leicht zuzubereitenden Speisen des Hortes selbst kennenlernen können. Im Rahmen des ESF Plus Förderprogramms „Kinder stärken 2.0“ arbeitet seit 2016 die Diplom Sozialpädagogin Tina Richter zur Unterstützung von Kindern, Eltern und Familien im Team mit. Sie organisiert das Netzwerk und den Austausch „nach draußen“, u.a. mit der Sozialarbeiterin der Schule, mit Einrichtungen im Umfeld, z.B. bei Besichtigungen von Betrieben. Fröbel unterstützt als erfahrener und gemeinnütziger Träger die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch bedarfsgerechte Angebote.

Der vierte Tag

Am letzten Tag stellte Dr. Beatrice Rupprecht von der Universität Leipzig das Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren MIKA vor. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Kinder beim Übergang von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule besser begleitet werden können. Rupprecht machte deutlich, dass Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule kommen. Deshalb reiche eine Diagnostik, die sich nur auf Sprache oder Mathematik konzentriere, nicht aus. Stattdessen brauche es ein stärkenorientiertes und mehrdimensionales Verfahren, das verschiedene Entwicklungsbereiche der Kinder berücksichtigt. MIKA wurde an der Universität Leipzig unter Beteiligung verschiedener Fachdisziplinen entwickelt. Das Verfahren erfasst unter anderem biopsychosoziales Wohlbefinden, körperlich-motorische Entwicklung, Musik, Sprache und frühe Literalität, Mathematik, Naturwissenschaften und digitale Medien. Es besteht aus einem Kinderportfolio und einer fachlichen Dokumentation durch pädagogische Fachkräfte. Rupprecht betonte, dass eine gute Übergangsdokumentation nur dann sinnvoll ist, wenn Kita und Grundschule sie gemeinsam nutzen. Entscheidend ist ein genauer, wertschätzender Blick auf die individuellen Fähigkeiten, Interessen und Stärken jedes Kindes. Darüber könnte noch ein eigener Beitrag geschrieben werden.

Ein herzlicher Dank gilt Bettina Stobbe für die exzellente Organisation und die inspirierende Zusammenstellung des Bildungsprogramms, das Fachlichkeit und kollegialen Austausch in idealer Weise verbunden hat.

Autor: Reinhold Hopp

Teilnehmender. Oberstudienrat für Psychologie und Sozialpädagogik (LA-BK) in der Fachschule für Sozialpädagogik am Berufskolleg Am Eichholz Arnsberg (NRW), Diplom Sozialpädagoge, Kita- und Schulgründer. Geschäftsführer.



[1] Vgl. Birnbacher, Leonhard / Engel, Juliane / Stadler, Katharina / Flämig, Katja (2024): Demokratiebildung im Ganztag. Ergebnisse von qualitativen Befragungen und Beobachtungen im grundschulischen Ganztag. Abschlussbericht. Ausgabe 1/2026 von DJI Impulse

 

Präsentationen aus dem Verlauf der Reise sind im Programmablauf hinterlegt:

Dienstag, 5. Mai 2026

  • vormittags individuelle Anreise nach Halle
  • Einführung in Programm und Organisation
  • Empfang und Fachvortrag an der Univ. Halle-Wittenberg durch Prof. Dr. Johanna Mierendorff Betreute Kindheit – Bedeutung des Ganztags für das Aufwachsen von Kindern
  • Vortrag der Ministerin Petra Grimm-Benne und anschließender Austausch
    Sachsen-Anhalts Kita-Hort-Landschaft, Träger- und Angebotsvielfalt, Modellprojekte für Ganztagsbildung sowie Einblick in Finanzierungs- und Steuerungsfragen
  • Einführung in die Erarbeitung eines Reflexionspapiers der Bildungsreise (pfv)
  • Runder Tisch zum Thema der Kooperationsformen (geplant)

Mittwoch, 6. Mai 2026

  • Praxisbesuche in Halle bei Modellstandorten Grundschule/Hort (in zwei Gruppen)
    Albrecht-Dürer-Schule in Kooperation mit AWO-Hort Präsentation des Kooperationsmodells des Hortes
    Grundschule Nietleben mit Hort
  • Workshops in Kleingruppen:
    Transfergespräch mit Prof. Dr. J. Mierendorff, Ergebnisbetrachtung der Hospitationen, Unterschiede zu westdeutschen Kommunen und mögliche Anknüpfungspunkte
  • Diskussionspapier und Reflexion

Donnerstag, 7. Mai 2026

  • Anreise Leipzig
  • Besuch bei Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH und Begrüßung durch Geschäftsleiter Christian Scheinpflug
    Vorstellung des Trägers und seiner Angebote in Sachsen, Kooperationsmodelle im Ganztag, Fachaustausch mit Fachberater:in und Familienbüro Fröbel Rahmenkonzeption und Vorschularbeit bei Fröbel
  • Hospitationsbesuch im Hort Kinderhaus Groß und Klein
    Komplex-Kita (Krippe-KiGa-Hort), Ernährungsbildung, Kooperation Hort-Schule-Ganztag
  • Reflexion und Rückreise Halle

Freitag, 8. Mai 2026

  • Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Impuls von Dr. Beatrice Rupprecht
    Kompetenzfeststellung am Übergang zu Schule, Einblick in das Instrument MIKA
  • Impulse von Bettina Stobbe
    Aktuelle Herausforderungen im Kita-System, Themen, Fachdebatten und -diskurse,
  • Austausch und Diskurs über gemeinsame Erkenntnisse und Anmerkungen als Grundlage für die Erstellung eines Reflexionspapieres
  • ca. 13 Uhr Reiseende und individuelle Abreise

Einladung und Hintergrund

Die Umsetzung des bundesweiten Rechtsanspruchs auf ganztägige Förderung für Grundschulkinder ab 2026 (GaFöG) stellt Kommunen, Träger und Fachkräfte in ganz Deutschland vor große Herausforderungen. Während vielerorts noch über Ausbaupläne, Umsetzungsmodelle und pädagogische Konzepte diskutiert wird, bietet ein Blick in ostdeutsche Städte bereits jetzt wertvolle Erkenntnisse – aus der Praxis, der Wissenschaft und der Trägerperspektive.

Die 3,5-tägige Reise nach Halle (Saale) und Leipzig führt mitten hinein in zwei Bundesländer, in denen ganztägige Förderung von Kindern im Grundschulalter seit Jahrzehnten erfolgreich gelebt und weiterentwickelt wird. Vor Ort lernen Sie bewährte Strukturen, Qualitätsansätze und innovative Modelle kennen und gewinnen im Austausch mit Wissenschaft, Praxis und Verwaltung wichtige Impulse. Die Reise verknüpft strukturelle, pädagogische und wissenschaftliche Perspektiven und schafft Raum für den gemeinsamen Transfer – für eine zukunftsfähige Ganztagsbildung in ganz Deutschland.

Das Angebot richtet sich an Fach- und Führungskräfte aus Kommunen, Trägern, Jugendämtern sowie an Wissenschaftler:innen der (Früh-)Pädagogik und alle Interessierten aus dem gesamten Bundesgebiet, die sich ein fundiertes Bild davon machen möchten, wie Ganztagsbildung auf der Basis jahrzehntelanger Erfahrung konkret gelingen kann.

=> Die Bildungsreise bietet die Gelegenheit, …

…. zentrale Akteure, Strukturen und innovative Modelle der ostdeutschen Ganztagsentwicklung direkt vor Ort kennenzulernen. Teilnehmende erhalten tiefe Einblicke und Erfahrungsberichte, die für die eigene Praxis und konzeptionelle Weiterentwicklung wertvoll sind. Im Dialog mit Wissenschaft, Praxis und Verwaltung steht der reflexive Vergleich im Vordergrund: Was ist im ostdeutschen Ganztagssystem besonders? Wie sind Bildung und Betreuung organisatorisch verknüpft? Welche Transfermöglichkeiten bestehen für andere Bundesländer und Regionen?

 

Thematische Schwerpunkte

=> Um diese Themen wird es gehen:
  • Modellprojekte zur Ganztagsbildung an Grundschulen und Horten
  • Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe: Kooperationsformen und Professionalisierung
  • Wissenschaftliche Einblicke: Strukturelle und politische Rahmenbedingungen frühkindlicher und schulischer Bildung, Kindheitssoziologie, Alltagswelten von Kindern (Prof. Dr. Johanna Mierendorff/Halle-Wittenberg)
  • Multiprofessionelle Teams, Elternmitarbeit und partizipative Strukturen in der Ganztagspraxis (Leipzig)
  • Austausch zu Chancen und Herausforderungen der Umsetzung des Rechtsanspruchs.

 

Highlights der Reise

=> In vier Tagen erleben die Teilnehmenden:
  • Austausch mit Wissenschaft und Forschung an der Universität Halle-Wittenberg
  • Praxisbesuche in Horten und (Ganztags-)Schulen in Halle und Leipzig
  • Diskussionen mit Trägern und kommunalen Akteuren
  • Reflexionsforen zur Übertragbarkeit von Modellen und Ansätzen
  • Realen Einblick in den Alltag von Kindern in ganztägigen Bildungsangeboten

 

 

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