„sehen-verstehen-umsetzen“ – Fortbildung kompakt
Ostdeutsche Impulse für den Ganztag.
Kooperationsformen, Fachpraxis, Forschung
Reisezeit: 05.05. – 08.05.2026
Reflexionspapier der Bildungsreise „Ostdeutsche Impulse für den Ganztag“
Gemeinsames Ergebnis der Teilnehmenden
Die Bildungsreise „Ostdeutsche Impulse für den Ganztag“ ermöglichte den Teilnehmenden einen vertieften Einblick in die historischen, strukturellen und pädagogischen Grundlagen ganztägiger Bildung in Sachsen-Anhalt und Sachsen, zwei ostdeutschen Bundesländern. Die Besuche in ausgewählten Einrichtungen, die Fachgespräche sowie die Arbeitsgruppen haben gezeigt, dass die gegenwärtige Diskussion um den Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Umsetzung des bundesweiten Rechtsanspruchs als Form des schulischen Ganztags geführt werden darf. Vielmehr verdeutlichen die ostdeutschen Erfahrungen, dass qualitativ hochwertige Ganztagsbildung – also Grundschule in Verbindung mit einem Hort – das Ergebnis langfristiger gesellschaftlicher Entwicklungen, institutioneller Kontinuitäten und professioneller Kooperationsstrukturen ist. Die nachfolgenden Überlegungen stellen das gemeinsame Reflexionsergebnis der Teilnehmenden dar und bündeln die Erkenntnisse aus den unterschiedlichen Arbeitsgruppen und Diskussionsformaten.
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Der Hort als historisch gewachsene Bildungsinfrastruktur
Eine zentrale Erkenntnis für die Teilnehmenden der Bildungsreise ist die besondere Bedeutung der ostdeutschen Horttradition. Mehrfach wurde hervorgehoben, dass die gegenwärtige Qualität vieler Ganztagsangebote für Schulkinder in Ostdeutschland nicht losgelöst von ihrer historischen Entwicklung betrachtet werden kann. Während in zahlreichen westdeutschen Regionen Ganztagsangebote für Schulkinder erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten aufgebaut wurden, verfügen die ostdeutschen Bundesländer über eine jahrzehntelange Erfahrung mit flächendeckenden Hortstrukturen. Aus Sicht der Teilnehmenden liegt hierin weit mehr als ein historischer Zufall. Bereits in der DDR war der Hort flächendeckend etabliert und eng mit Schule und Familienalltag verbunden. Auch nach der Wiedervereinigung blieben Strukturen erhalten, auf denen heutige Ganztagsangebote aufbauen konnten. Die Institution Hort wurde über Generationen hinweg als selbstverständlicher Bestandteil der Bildungs- und Betreuungslandschaft wahrgenommen. Sie entwickelte sich zu einer gesellschaftlich akzeptierten Infrastruktur für Familien und Kinder. Diese gesellschaftliche Verankerung wirkt bis heute nach. Der Hort wird vielerorts nicht als Notlösung für berufstätige Eltern verstanden, sondern als eigenständiger Bildungsort mit pädagogischem Auftrag. Genau hierin sehen die Teilnehmenden einen wesentlichen Unterschied zu vielen westdeutschen Debatten, in denen Ganztagsangebote noch häufig zwischen einer, den schulischen Alltag ergänzenden Betreuungsfunktion und Vereinbarkeitspolitik verortet werden.
Mehrfach wurde die Frage aufgeworfen, ob die ostdeutschen Bundesländer aufgrund dieser historischen Kontinuität einen Entwicklungsvorsprung besitzen. Die Diskussion machte deutlich, dass es weniger um einen Vorsprung im Sinne eines Wettbewerbs geht, sondern vielmehr um das Vorhandensein gesellschaftlich etablierter Strukturen, an die angeknüpft werden kann. Wo eine solche Tradition fehlt, müssen Strukturen, Rollenverständnisse und Kooperationsformen zunächst entwickelt werden. Die Teilnehmenden beschrieben die Situation in Teilen Westdeutschlands deshalb als deutlich stärker von unterschiedlichen Modellen, Zuständigkeiten und teilweise „erratischen“ Entwicklungen geprägt.
Verlässlichkeit als Qualitätsmerkmal ganztägiger Bildung
Ein weiterer zentraler Eindruck der Bildungsreise war die hohe Verlässlichkeit der ostdeutschen Ganztagsangebote, obwohl diese in unterschiedlichen Ausprägungen und Schwerpunktsetzungen der Angebote existieren. Die Teilnehmenden hoben beobachtend hervor, dass es vielen Kommunen gelungen sei, auch unter schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen ein flächendeckendes Angebot für Grundschulkinder aufrechtzuerhalten. Verlässlichkeit wurde dabei nicht nur als organisatorische Leistung verstanden, sondern als Ausdruck eines gesellschaftlichen Verständnisses von Verantwortung gegenüber Kindern und Familien. Besonders deutlich wurde dies am Beispiel des Albrecht-Dürer-Hortes in Verbindung mit der Grundschule in Halle. Die Einrichtung bietet Öffnungszeiten von 6:00 bis 18:00 Uhr, Ferienbetreuung sowie eine ganzjährige Verfügbarkeit mit Ausnahme der Weihnachtsfeiertage. Gleichzeitig besuchen nahezu alle Kinder der Schule den Hort bis zum Ende der Grundschulzeit. Diese Selbstverständlichkeit verdeutlicht den hohen Stellenwert des Hortes im Alltag von Familien. Die Teilnehmenden sehen hierin einen wichtigen Hinweis für die bundesweite Umsetzung des Rechtsanspruchs. Der Ausbau von Plätzen allein reicht nicht aus. Entscheidend ist die Entwicklung verlässlicher (Infra-)Strukturen, die von Familien als dauerhaftes Angebot wahrgenommen werden und nicht als Übergangslösung bis zum Ende eines Angebots oder Programms Dritter.
Fachkräfte als Grundlage von Qualität
Ein Aspekt, der von allen Teilnehmenden übereinstimmend benannt wurde, betrifft die hohe Bedeutung qualifizierter Fachkräfte für ganztägige Bildungs- und Förderangebote. Die besuchten Einrichtungen in Halle und Leipzig arbeiten nahezu ausschließlich mit ausgebildeten Erzieherinnen und Erziehern beziehungsweise sozialpädagogischen Fachkräften. Ergänzungs- oder Hilfskräfte übernehmen keine originären pädagogischen Aufgaben. Die Teilnehmenden bewerten dieses Fachkräfteverständnis als einen wesentlichen Faktor für einen qualitätsorientierten Ganztag und Wirkfaktor im Kontext der Zusammenarbeit mit der Schule und der Sichtbarkeit des qualitativ hochwertigen sozialpädagogischen Ansatzes der Hortangebote. Pädagogische Qualität, Kinderschutz, Bildungsbegleitung und Zusammenarbeit mit Eltern setzen professionelle Kompetenzen voraus. Vor diesem Hintergrund wurde die Forderung formuliert, das Fachkräftegebot für Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe bundesweit zu stärken und perspektivisch einheitliche Qualitätsstandards für alle Formen, z.B. auch im Schulischen Ganztag, der Ganztagsbetreuung zu etablieren. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass vorhandene Berufserfahrungen anerkannt und durch Nachqualifizierungen ergänzt werden müssen, um die Herausforderungen des Fachkräftebedarfs – vor allem in Teilen Westdeutschlands – bewältigen zu können.
Darüber hinaus wurde angeregt, Ganztagsbildung stärker in die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte sowie in die Lehrerbildung zu integrieren. Die Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen gelingt nur dann nachhaltig, wenn bereits in der Ausbildung Kenntnisse über die jeweiligen Arbeitsfelder vermittelt werden.
Professionelles Einrichtungsmanagement als Schlüsselfaktor
Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Diskussionen und Austauschgespräche zog, war die Bedeutung des professionellen Einrichtungsmanagements. Bestärkt durch die gewonnenen Eindrücke beschrieben die Teilnehmenden der pfv-Bildungsreise–– Managementkompetenz ausdrücklich als Voraussetzung für gelingende Ganztagsförderung und -bildung. Dabei wurde deutlich, dass erfolgreiche Einrichtungen über weit mehr verfügen als gute pädagogische Konzepte. Sie besitzen klare Führungsstrukturen, transparente Verantwortlichkeiten und eine systematische Qualitätsentwicklung. Besonders eindrucksvoll waren die Berichte über entsprechende Leitungsfreistellungen, ein zuverlässiges und Sicherheit gebendes „Backup“-System, regelmäßige Mitarbeitergespräche, strukturierte Personalentwicklung sowie das Beispiel des leistungsorientierten Vergütungssystems. Die Teilnehmenden bewerteten diese Instrumente überwiegend positiv, da sie Motivation fördern, Entwicklungspotenziale sichtbar machen und zur Professionalisierung beitragen können. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass solche Systeme transparent gestaltet werden müssen, um Akzeptanz und Fairness sicherzustellen. Die Diskussionen machten deutlich, dass Management nicht als Gegensatz zur Pädagogik verstanden werden darf. Vielmehr schaffen professionelle Organisationsstrukturen erst die Voraussetzungen dafür, dass pädagogische Arbeit wirksam werden kann. Die ostdeutschen Beispiele zeigen, dass Investitionen in Management- und Leitungsstrukturen sowie Organisationsentwicklung unmittelbar zur Qualität ganztägiger Bildung beitragen können.
Die Kooperation von Schule und Hort als Erfolgsmodell
Besonders intensiv wurde die Zusammenarbeit zwischen Schule und Hort diskutiert. Das Beispiel der Albrecht-Dürer-Grundschule verdeutlichte eindrucksvoll, welche Potenziale entstehen, wenn beide Systeme nicht nebeneinander, sondern miteinander arbeiten. Die Einrichtung verfügt über regelmäßige Austauschformate zwischen Lehrkräften und Erzieherinnen beziehungsweise Erziehern. Alle zwei Monate finden Teamgespräche statt, zusätzlich gibt es monatliche Abstimmungen zwischen Lehrkräften und den jeweiligen Bezugserzieherinnen und -erziehern. Jede Klasse verfügt über feste pädagogische Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner. Schulische Themen werden teilweise auch im Hort aufgegriffen und weiterbearbeitet. Dadurch entsteht eine kontinuierliche Bildungsbegleitung der Kinder über den gesamten Tagesverlauf hinweg.
Von besonderer Bedeutung erscheint den Teilnehmenden der jährlich stattfindende gemeinsame pädagogische Teamtag. Ursprünglich bestand die Sorge, dass eine dafür notwendige Schließzeit auf Ablehnung stoßen könnte. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass sowohl Eltern als auch Mitarbeitende den Nutzen dieser gemeinsamen Entwicklungszeit anerkennen, eine entsprechende transparente Kommunikation vorausgesetzt. Der Teamtag schafft Raum für Reflexion, Verständigung und die Weiterentwicklung gemeinsamer Ziele. Reflektiert wird von den Teilnehmenden, dass gerade diese gemeinsamen Entwicklungsprozesse einen erheblichen Mehrwert erzeugen. Kooperation entsteht nicht automatisch durch räumliche Nähe oder gemeinsame Zuständigkeiten. Sie benötigt Zeit und damit Ressourcen, um bewusst geschaffene Gelegenheiten zum Austausch sicherzustellen. Die pfv-Bildungsreise machte deutlich, dass selbst Einrichtungen mit einer bereits hohen Kooperationsqualität durch gemeinsame Reflexion neue Entwicklungspotenziale entdecken können. Dies betrifft insbesondere die Entwicklung eines gemeinsamen Bildungsverständnisses sowie die Identifikation sogenannter „blinder Flecken“ in der Zusammenarbeit.
Gemeinsames Bildungsverständnis statt institutioneller Trennung
Die Diskussionen führten zu der Erkenntnis, dass die größte Herausforderung des Ganztags nicht in organisatorischen Fragen liegt, sondern in der Verbindung unterschiedlicher professioneller Kulturen. Schule und Kinder- und Jugendhilfe verfügen über unterschiedliche Traditionen, Arbeitsweisen und Bildungsverständnisse. Die ostdeutschen Beispiele zeigen jedoch, dass diese Unterschiede produktiv genutzt werden können, wenn regelmäßige Dialogformate vorhanden sind. Mehrere Teilnehmende regten deshalb an, künftig deutlich mehr gemeinsame Fachveranstaltungen, Fortbildungen und Austauschformate für Lehrkräfte, Schulleitungen, Hortleitungen und Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe zu schaffen. Die pfv-Bildungsreise selbst wurde als gelungenes Beispiel dafür wahrgenommen, wie solche professionsübergreifenden Lernräume gestaltet werden können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass insbesondere die Beteiligung von Lehrkräften und Schulleitungen an entsprechenden Formaten weiter gestärkt werden sollte.
Bildungsgerechtigkeit und ganzheitliche Förderung
Die Teilnehmenden hoben hervor, dass die besuchten drei sehr unterschiedlichen Einrichtungen bzw. Praxisstellen den Ganztag nicht auf Betreuung reduzieren. Vielmehr wird der gesamte Tagesablauf als ganzheitlicher Prozess der Erziehung, Bildung und Betreuung verstanden. Beispielhaft genannt wurden gemeinsame Mahlzeiten, Frühstücks- und Nachmittagsangebote, partizipative Formen der Gestaltung des Alltags, inklusive Konzepte sowie die bewusste Gestaltung von Übergängen zwischen Unterricht, Freizeit und Betreuung.
Gerade gemeinsame Mahlzeiten wurden als wichtiger Beitrag zu Bildungsgerechtigkeit, Gesundheitsförderung, sozialem Lernen und Entlastung von Familien beschrieben. Sie verdeutlichen exemplarisch, dass Ganztagsbildung stets mehr umfasst als die Verlängerung schulischer Lernzeiten.
Fazit
Die Bildungsreise hat eindrucksvoll gezeigt, dass die ostdeutschen Erfahrungen wertvolle Impulse für die bundesweite Weiterentwicklung des Ganztags liefern. Besonders hervorzuheben sind die historisch gewachsene Bedeutung des Hortes, die hohe gesellschaftliche Akzeptanz ganztägiger Bildung, das konsequente Fachkräftegebot, professionelle Managementstrukturen sowie die enge Kooperation von Schule und Hort. Die Teilnehmenden der pfv-Bildungsreise kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass der zukünftige Erfolg des Ganztagsausbaus nicht allein von finanziellen Investitionen oder rechtlichen Regelungen abhängen wird. Entscheidend sind vielmehr gemeinsame Bildungsverständnisse, professionelle Leitungsstrukturen, qualifizierte Fachkräfte und die Bereitschaft, Schule und Kinder- und Jugendhilfe als gleichwertige Partner einer gemeinsamen Verantwortungsgemeinschaft für Kinder und Familien zu verstehen. Die ostdeutschen Erfahrungen bieten hierfür keine einfache Blaupause, wohl aber einen reichen Fundus an Erkenntnissen, die für die Umsetzung des Rechtsanspruchs und die Weiterentwicklung einer qualitativ hochwertigen Ganztagsbildung in Deutschland von großer Bedeutung sind. Pointiert halten die Teilnehmenden fest, viele ostdeutsche Impulse gewonnen zu haben und ein größeres westdeutsches Interesse an diesen zu begrüßen – mit dem Ziel einer gemeinsamen qualitativen Weiterentwicklung.
Berlin, 01.07.2026
Gruppe der Teilnehmenden der pfv-Bildungsreise 2026
